DR. MATTHIAS BURCHARDT

DR. MATTHIAS BURCHARDT

Hautsache – dermatophilosophische Reflexionen

 

Dass die Philosophie wenig mit der Haut und den Oberflächen anfangen kann, hat seinen Grund in den metaphysischen Wurzeln des abendländischen Denkens. Durch diese war eine schroffe und wertende Entgegensetzung von Geist und Körper, Wesen und Erscheinung, Beharrung und Vergänglichkeit, Tiefe und Oberfläche, Zentrum und Peripherie getroffen worden. Der Philosoph widersteht der sinnlichen Haut der Frucht und durchdringt deren saftiges, hinfälliges Fleisch, nur um dann im spröden Kern das Wesen der Dinge zu finden, welches der Geistigkeit der Menschennatur entspreche. Unter dieser Voraussetzung wird „Oberflächlichkeit“ zu einem trefflichen Schimpfwort, mit dem sich Phänomene, Beschäftigungen, Vorlieben und Menschen intellektuell und moralisch abqualifizieren lassen.

 

Dass diese Einschätzung selbst wiederum auf einem Vorurteil beruht, ist unterdessen einsichtig geworden. Der frz. Psychologe Didier Anzieu etwa beschreibt in seiner Theorie des „Haut-Ich“, dass unser Selbst aus dem Kontakt mit den Anderen und der Welt erwächst.  Haut ist eben nicht nur kosmetische Visitenkarte im sozialen Spiel der Eitelkeiten oder physikalische Grenze zum Schutz des Körperinneren, sondern auch Begegnungs-, Sinn- und Ausdrucksraum. Durch sie stoßen wir auf den Mitmenschen und befahren die Haut der Dinge, so wie sich unsere glücklichen und widrigen Erfahrungen unserer Haut einschreiben. Nicht umsonst spricht man von der „ehrlichen Haut“ oder der „nackten Wahrheit“. Eine künstlerische Erkundung von Oberflächen, Texturen und Hautphänomenen reflektiert also nicht nur auf die ästhetischen Mittel der künstlerischen Darstellung, sondern wirft uns auf uns selbst zurück, auf die Einsicht nämlich, dass uns das selbst, die Gemeinschaft und die Welt nach Maßgabe der Haut gegeben sind.

Date

5 September 2017

Category

BAFF 2017